Frau Zimmer, wenn Sie auf die globale Klimakonferenz im brasilianischen Belém schauen, haben sie dann auch manchmal das Gefühl, das alle Mühen vergeblich sind?
Ab und an sind wir alle mal verzagt, klar. Aber die globale Klimaschutzgeschichte ist eine Erfolgsgeschichte, die immer weitergeht. Schon heute prognostiziert der Emissions Gap Report der UN, dass die globale Temperatur um weniger als 3 Grad ansteigen wird. Werden alle Klimapläne der Regierungen umgesetzt, bleibt sie sogar unter 2,5 °C. Vor dem Paris-Abkommen lag die Prognose noch bei über 4 °C. Was wie Nachkommastellen klingt, verbirgt aber vermiedene Kipppunkte im Klimasystem – und gewaltige Anstrengungen weltweit. Zu diesen Anstrengungen trägt die EU viel bei, aber natürlich auch andere Kontinente und Staaten. Jede vermiedene Tonne CO2 hilft.
Wie steht es beim Verkehr, da kommen wir doch kaum voran?
Einspruch: Wir kommen spürbar voran, auch in Baden-Württemberg. Bei uns fahren heute 15 Prozent mehr Züge als 2020. Jedes Jahr werden Radwege im Wert von über 100 Mio. Euro fertiggestellt und 30.000 Ladepunkte im Land stellen ein flächendeckendes Angebot dar. Aber die erkämpften Verbesserungen treffen weiter auf widrige Trends: Überholte Subventionen auf Bundesebene, eine marode Bahninfrastruktur, immer größere Autos. Wir haben es dennoch geschafft, in Baden-Württemberg die Emissionen im Vergleich zu 2019 um 11 Prozent zu senken und bei den Pro-Kopf-Emissionen ist das einstige Autoland nun bundesweiter Spitzenreiter der Flächenländer. Und wenn ich „wir“ sage, dann meine ich alle Engagierten in Landes- und Kommunalverwaltung, in der Politik und in Unternehmen. Nicht vergessen sollten wir auch, dass vermutlich eine Million der Menschen im Land bereits heute ein vorbildliches Verkehrsverhalten hat.
Müssten wir nicht aber einen Zahn zulegen, während gleichzeitig die Kassen leer sind?
Ja, es muss mehr geschehen. Aber auch dafür sind Weichen gestellt: Seit kurzem gelten das neue Landesmobilitätsgesetz und die neue Straßenverkehrsordnung. Jetzt nimmt Parkraummanagement so richtig Fahrt auf, weil es viel weniger formalen Aufwand bedeutet und zudem die Kontrollen durch Scan Cars effektiv möglich werden. Wir haben den Mobilitätspass als neues Finanzierungsinstrument und mit den Klimamobilitätsplänen vielerorts schon einen klaren Fahrplan. Das alles kostet nicht viel Geld, sondern bringt teils sogar Haushaltsentlastung. Und selbst beim Bauen gilt: Fehlt das Geld zum Bauen, ist Zeit für neue Planungen. Noch wichtiger als das finanzielle Argument ist aber: Der Klimawandel ist für alle spürbar. Die notwendige Anpassung unserer Städte an Hitze und Starkregen durch mehr Bäume und weniger Versiegelung lässt sich mit dem Fernwärmeausbau ebenso kombinieren wie mit dem Straßenumbau. Daher gilt weiter: Die größte Gefahr für den Klimaschutz wäre, dass wir selber den Mut verlieren.
- Klimaschutz im Verkehr allgemein